Michael Hollweg

(12) Gedanken zum Neuanfang

Der Prophet Jeremia<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>evang-affeltrangen.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>3</div><div class='bid' style='display:none;'>1490</div><div class='usr' style='display:none;'>3</div>

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schliessen, nicht wie den Bund, den ich mit ihren Vätern geschlossen habe, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus dem Lande Ägypten zu führen; denn sie haben meinen Bund gebrochen, obwohl ich ihr Herr war, spricht der HERR; sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schliessen will nach dieser Zeit, spricht der HERR: Ich will meine Weisungen in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein und ich will ihr Gott sein. Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den HERRN«, sondern sie werden mich alle erkennen, beide, Klein und Gross, spricht der HERR; denn ich werde ihnen ihre Schuld vergeben und ihrer Sünde werde ich nicht mehr gedenken.
Jeremia 31,31-34
Michael Hollweg,
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Ein radikaler Neuanfang – das ist ein Zauberwort für uns, wenn wir mit unseren Absichten und Plänen gescheitert sind. Noch einmal ganz von vorne anfangen – das bedeutet, das Vergangene hinter sich zu lassen, neue Perspektiven in den Blick zu nehmen, Chancen zu ergreifen und das Wagnis des Neuanfangs einzugehen. Doch mit einem Neuanfang verbinden sich immer auch gemischte Gefühle. Neu anfangen müssen wir, wenn etwas nicht so gelaufen ist, wie es hätte laufen sollen, wenn wir versagt haben oder selbst enttäuscht worden sind, etwa in einer Freundschaft, in der Partnerschaft, in der Ehe oder im Beruf. Der Neuanfang hat deshalb auch einen bitteren Beigeschmack, ja ist für uns mit Ungewissheit, Angst oder mit der bangen Frage verbunden: Was wird geschehen? Wird es das nächste Mal gut gehen? Oder werden wir wieder an den gleichen Schwierigkeiten oder Fehlern scheitern?

Vor einem solchen radikalen Neuanfang stand das jüdische Volk nach dem Zusammenbruch des Jahres 587 v. Chr. Die Hauptstadt Jerusalem und der erste Tempel waren zerstört. Das jüdische Volk musste in Babylon in der Verbannung leben. Die Heimat war weit weg und an Rückkehr nicht zu denken. Die Situation der Deportierten war bedrückend, wie es der 137. Psalm erinnert: „An den Wassern zu Babel sassen wir und weinten, wenn wir an Jerusalem gedachten.“ Was wird dem jüdischen Volk wohl noch durch den Kopf gegangen sein? Vielleicht der verzweifelte Gedanke, sich das Ganze selbst eingebrockt zu haben, und zwar als Folge davon, den Gott Israels vergessen und seine Weisungen missachtet zu haben. Aber würde es dann überhaupt noch einen Weg aus der Verbannung geben und Rückkehr möglich sein? Wenn ja, wie könnte es dann weitergehen?

In diese dunkle Situation hinein erzählt der Prophet Jeremia, was er von Gott gehört und verstanden hat: Gottes Vergebung wird in Aussicht gestellt und eine erneuerte Gemeinschaft mit ihm angekündigt. Die Geschichte Gottes mit seinem Volk wird weitergehen – trotz allem äusseren Anschein.

Vor einem Neuanfang stehen auch wir heute in der Kirche. In den vergangenen zehn Wochen ist das kirchliche Leben aufgrund der ausserordentlichen Lage wegen des Coronavirus in das Private verbannt worden. Das Feiern von Gottesdiensten war verboten. Kirchliche Veranstaltungen durften nicht mehr durchgeführt werden. Kirchliche Gruppen konnten sich nicht mehr treffen. Der kirchliche Unterricht musste ausfallen oder mit elektronischen Mitteln weitergeführt werden …

Nun ist ein Ende in Sicht. Unter Einhaltung des behördlichen Schutzkonzeptes können wir ab dem 28. Mai 2020 wieder zu Gottesdiensten zusammenkommen. Der Pfingstgottesdienst am kommenden Sonntag, 31. Mai, wird bei uns den Auftakt bilden. Eine schrittweise Lockerung der behördlichen Massnahmen wird auch für das weitere kirchliche Leben erwartet.

Einerseits hoffen wir auf Rückkehr in die Zeit vor dem Coronavirus – jedenfalls was die Begegnung und die Gemeinschaft in unseren Kirchen anbelangt. Andererseits steht uns ein radikaler Neuanfang bevor. In sieben Monaten werden die Evangelischen Kirchgemeinden Affeltrangen und Märwil mit der Evangelischen Kirchgemeinde Braunau fusionieren. Die Vereinigungskommission muss jetzt das zukünftige kirchliche Leben bestimmen in einem immer weltlicher werdenden Umfeld. Werden wir dabei dem Traum des Propheten Jeremia näherkommen: Alle Menschen, klein und gross, werden Gott erkennen und von sich aus wissen, was Gott von ihnen will? Und das im Bewusstsein, von Gott angenommen und mit ihm verbunden zu sein ohne Verrechnung der Abwege und Irrwege, die wir persönlich oder gesellschaftlich gegangen sind? Unsere Entscheidungen für das zukünftige kirchliche Leben wollen dazu beitragen, Antworten zu geben und zu leben.

Persönlich werden ebenfalls Neuanfänge erforderlich sein. Nach der Kurzarbeit drohen Entlassungen. Firmen werden pleitegehen und die Mitarbeitenden in eine ungewisse Zukunft schicken. Manches Einsamkeitsgefühl drückt weiter. Auch mit Gott wird gehadert werden: Wenn es so ist, dass Gott unser Leben mit uns lebt, warum ist es dann so, dass wir in der Corona-Krise unermessliches Leid erfahren haben? Warum mussten wir unsere Lieben alleine lassen? Warum ist es in uns und um uns herum immer wieder dunkel und ungewiss? Warum können nicht alle unsere Hoffnungen in diesem Leben erfüllt werden?

Und auch gesellschaftlich werden wir neue Wege gehen müssen. Die Corona-Krise hat uns gezeigt, wie anfällig unsere globale Welt ist und durch ein winziges Virus empfindlich gestört werden kann. Deshalb müssen wir nach den Ursachen der Corona-Pandemie fragen. Wo kommt das Coronavirus her? Wieso konnte es sich so rasant ausbreiten? Liegt es an unserer enormen Mobilität? Hat die Art und Weise, wie wir produzieren und konsumieren, einen Einfluss gehabt? Und grundsätzlicher: Warum müssen wir immer rationeller und effizienter wirtschaften mit fatalen Folgen für die Versorgung (mit einem Mal fehlen Medikamente und medizinische Schutzkleidung, weil sie wegen der geringeren Löhne in Asien produziert werden und dort ausgefallen sind; Krankenhäuser und Pflegezentren fehlen im Krisenfall, weil sie unter Effizienzgesichtspunkten zusammengestrichen wurden)? Welchen Wert hat zukünftig die menschliche Arbeitskraft (in der Corona-Krise sind die Pflegenden in den Krankenhäusern oder die Mitarbeitenden im Detailhandel beklatscht worden)? Können wir so weitermachen wie bisher, ohne Raubbau zu treiben an den begrenzten Ressourcen unserer Erde? Wie können wir zukünftig gerecht und fair handeln?

Wie der Prophet Jeremia damals träume ich heute davon, dass Antworten sich finden lassen, weil Gott seine Weisungen den Menschen in ihr Herz gibt und in ihren Sinn schreibt. Dieser Traum hat seinen Anhaltspunkt in der Rückschau verheissungsvoller Anfänge des Volkes Israel: Gott hatte sein Volk in der Befreiung aus der Knechtschaft Ägyptens bei der Hand genommen. Aber dann hat Israel Gottes Hand losgelassen und sich seiner Weisung verweigert. Es wollte seine Zukunft selbst in die Hand nehmen. „Ich war doch ihr Herr“ – diese Worte haben einen geradezu schmerzlichen Unterton. Gott leidet an der Untreue seines Volkes; denn er liebt es von ganzem Herzen: „Ich habe dich je und je geliebt, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte“ – so schreibt Jeremia kurz zuvor. An dieser liebevollen, geradezu partnerschaftlichen Verbindung hält Gott fest – für alle Zeiten. Durch den Mund des Propheten stellt Gott seinem Volk Vergebung in Aussicht und bleibt ihm in Treue zugewandt. Ja, er schenkt seinem müden und zerschlagenen Volk eine neue Zukunft. Wir wissen heute, dass Gottes Weg mit seinem Volk Israel weitergegangen ist, wenn auch anders als erwartet und noch ohne die vollständige Erfüllung der Verheissungen.

Darauf warten wir Christinnen und Christen gemeinsam mit dem Volk Israel. Wir vertrauen darauf, dass unser Weg mit Gott weitergeht. In Jesus Christus ist uns der Gott Israels ganz nahegekommen. Sein Evangelium ist uns Weisung und Orientierung für unser persönliches und gesellschaftliches Leben. Deshalb wissen wir um die Zusage der Vergebung. Deshalb lassen wir unser Tun bestimmen von der Goldenen Regel aus Jesu Bergpredigt: „Behandelt die Menschen so, wie ihr selbst von ihnen behandelt werden wollt — das ist es, was Gottes Weisung und die Propheten fordern.“ (Matthäus-Evangelium 7,12). Deshalb suchen wir unsere Zukunft mit Gott zu gewinnen, indem wir uns auf das besinnen, was wirklich wichtig ist und zählt in unserem Leben, was uns durch schwierige Zeiten hindurchträgt und Neues wagen lässt. Jeremias Worte erinnern uns dabei daran: Erneuerung kann nur von innen herkommen und muss unser ganzes Leben durchdringen, sonst bleiben unsere Gemeinschaft und unsere Kirchen leer und, was noch schlimmer ist, auch unsere Herzen und unser Leben.

Aber wie können wir innerlich neu werden? Das geht nicht aus eigener Kraft. Schon gar nicht geht es durch die Erfüllung von Forderungen, die von aussen an uns herangetragen werden. Unser biblischer Text macht deutlich: Allein Gott kann das Herz des Menschen wandeln. In der Bibel ist mit „Herz“ der ganze Mensch gemeint, nicht nur seine Gefühle, sondern auch sein Wollen, Denken und Handeln. Israel wird verheissen, dass Gott seinen Willen ins Herz der Menschen legen wird. So werden sie ihm mit ihrem ganzen Leben entsprechen können, nicht aus Pflichtgefühl oder Zwang, sondern mit Freude und Hingabe. Eine solche vollkommene Beziehung zu Gott bleibt auch für uns Verheissung – für uns selbst und für die Zukunft unserer Kirchgemeinden und unserer Welt.

So bitten wir heute Gott, dass er mit seinem Geist bei uns ist in den Neuanfängen, die uns bevorstehen. Möge Gottes Geist unsere Herzen und Sinne wandeln und uns auf Jesu Spuren führen. Möge er uns stärken und trösten. Möge er uns immer wieder dazu bewegen, nach seinem Willen für unser Leben zu fragen. Möge sein Geist uns gewiss machen, dass Gott uns begleitet und wir zu ihm gehören, was auch immer geschehen mag.

Es grüsst Sie herzlich
Ihr Pfarrer Michael Hollweg


24.05.2020
Bereitgestellt: 24.05.2020     Besuche: 71 Monat 
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