Karen Hollweg

(11) Gedanken zur Auffahrt

Himmelfahrt (Arenakapelle Padua)<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>evang-affeltrangen.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>3</div><div class='bid' style='display:none;'>1489</div><div class='usr' style='display:none;'>3</div>

Die nun zusammengekommen waren, fragten Jesus und sprachen: Herr, wirst du in dieser Zeit wieder aufrichten das Reich für Israel? Er sprach aber zu ihnen: Es gebührt euch nicht, Zeit oder Stunde zu wissen, die der Vater in seiner Macht bestimmt hat; aber ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde.

Und als er das gesagt hatte, wurde er zusehends aufgehoben, und eine Wolke nahm ihn auf vor ihren Augen weg. Und als sie ihm nachsahen, wie er gen Himmel fuhr, siehe, da standen bei ihnen zwei Männer in weissen Gewändern. Die sagten: Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und seht zum Himmel? Dieser Jesus, der von euch weg gen Himmel aufgenommen wurde, wird so wiederkommen, wie ihr ihn habt gen Himmel fahren sehen.

Apostelgeschichte 1, 6-11
Karen Hollweg,
Liebe Kirchbürgerinnen und Kirchbürger
Liebe Leserinnen und Leser unserer Homepage

Zwei Professoren, Naturwissenschaftler der eine, Theologe der andere, kommen miteinander ins Gespräch. „Wo liegt eigentlich der Himmel?“, fragt der Naturwissenschaftler beiläufig. „Weit, sehr weit – noch hinter dem Stern Sirius“, lautet die Antwort. „So, und wie schnell ist Christus gen Himmel gefahren?“

Der Theologe wittert jetzt Gefahr und meint vorsichtig, so schnell wie eine Kanonenkugel könne der Herr wohl geflogen sein. „Dann fliegt er noch“, erklärt der Naturwissenschaftler sachlich.
In dieser Anekdote aus dem 19. Jahrhundert kommen augenzwinkernd die Zweifel und Verlegenheiten zum Ausdruck, die viele Menschen heute mit der Auffahrt Jesu haben. Biblische Vorstellungswelt und unser neuzeitlicher, wissenschaftlicher Verstand prallen aufeinander. Ist Jesus wirklich „gen Himmel gefahren“, wie es in der Apostelgeschichte erzählt wird? Wie sollen wir uns das denn vorstellen? Und was meint in diesem Zusammenhang eigentlich das Wort „Himmel“?

Wir reden heute in zweierlei Weise vom „Himmel“. Zum einen bezeichnen wir damit den Weltenraum um uns herum, gebrauchen den Begriff „Himmel“ als Gegenbegriff zum kleinen Planeten Erde, auf dem wir uns befinden. In dieser Weise sprechen wir dann zum Beispiel davon, dass der Himmel blau oder bewölkt ist – so nehmen wir tagsüber den Weltenraum mit unserem blossen Auge wahr. Zum anderen gebrauchen wir das Wort „Himmel“ aber auch noch in einem anderen Sinne, nämlich als Gegenbegriff zur „Hölle“. Die englische Sprache ist da genauer und hat zwei unterschiedliche Begriffe für unser deutsches Wort „Himmel“: Das Wort „sky“ bezeichnet den Weltenraum um uns herum, das Wort „heaven“ meint hingegen das Gegenteil zum Begriff „Hölle“. Während die „Hölle“ für uns ein Bild für alles Schreckliche, Zerstörerische, für die Gottesferne ist, steht der Himmel im Sinne des englischen „heaven“ für das Schöne, Freudige, Lebensförderliche, für den Machtbereich des Guten, für die Gegenwart Gottes und die Gemeinschaft mit ihm. Dabei dürfen wir die ewige und unsichtbare Welt Gottes nicht nur irgendwo oben, am Himmel, in den Wolken suchen. Schon das Alte Testament spricht mit grosser Eindrücklichkeit von der Allgegenwart Gottes, zum Beispiel im Psalm 139: „Von allen Seiten umgibst du mich, Herr, und hältst deine Hand über mir.“ Nach diesem Verständnis ist der „Himmel“ als Machtbereich Gottes auch in der Tiefe unter uns zu finden. Er ist um uns herum, überall. Diese kleine Welt, in der wir leben, ist eingebettet in die ewige Welt Gottes.

Der Evangelist Lukas erzählt in seinem Evangelium und in seinem Fortsetzungswerk, der Apostelgeschichte, dass Jesus nach seiner Auferstehung noch vierzig Tage lang seinen Jüngerinnen und Jüngern erschienen ist. Er lässt sich von ihnen berühren und lehrt sie alles Wichtige über das Reich Gottes. Dann führt er sie vor die Stadt in die Nähe des kleinen Ortes Betanien, segnet sie zum Abschied und fährt vor ihren Augen in den Himmel hinauf. Mit dieser bildhaften Umschreibung der Rückkehr Jesu zu Gott, seinem Vater, macht der Evangelist Lukas deutlich, dass Jesus in die enge Gemeinschaft mit Gott zurückkehrt.

So bedeutet der Auffahrtstag zunächst: Die Jüngerinnen und Jünger sind allein gelassen, auf sich selbst gestellt. Dass Jesus „gen Himmel gefahren ist“, heisst: Die irdische Geschichte des Juden Jesus von Nazareth ist zu Ende. Die Jüngerinnen und Jünger müssen ihn loslassen. Er lässt sich nicht halten. Wir können ihn nicht halten. Insofern hat der Auffahrtstag mit Abschied zu tun. Jesus – seine leibliche Nähe, seine wunderbare Kraft, die Zeit mit ihm – lässt sich nicht festhalten. Jesus ist nicht mehr sichtbar da, sondern nur noch in Zeichen und Symbolen, in Erzählungen, Erinnerungen und Erfahrungen, die immer vieldeutig, oft auch doppeldeutig sind. Und so leben wir – trotz Jesu Verheissung, immer bei uns zu sein – in einer Welt, die scheinbar ohne ihn ist, mit vielen unserer Fragen allein gelassen.

Aus unserem eigenen Leben wissen wir, wie schmerzlich Phasen des Abschieds und der Trennung sind. Und doch sind sie wichtig für unsere Entwicklung und lassen uns innerlich reifen. Wenn wir genauer hinschauen, geht alle Entwicklung durch Abschied und Neubeginn hindurch zu neuen Stufen des Lebens: Schon die Geburt, das Versorgt- und Geborgenseins, endet mit einem tiefen, schmerzhaften, weinenden Schrei. Aber Leben und Wachstum, die Entwicklung zur eigenen Persönlichkeit werden mit der Geburt gewonnen.

Der Auffahrtstag ist also ein Tag des Abschieds und der inneren Reifung. Damit treten die Jüngerinnen und Jünger in eine neue Phase ein. „Jetzt müsst ihr mich vertreten“, sagt Jesus zu ihnen, „Ihr werdet meine Zeugen sein bis an das Ende der Erde.“ Erst im Rückblick begreifen die Jüngerinnen und Jünger: Sie mussten Jesus loslassen, ihn gewissermassen verlieren, damit er in ihnen auf neue Weise wirksam wird und sie bezeugen können, wofür dieser Jesus steht und was er ihnen und allen Menschen bedeutet.

Jesus entzieht sich seinen Jüngerinnen und Jüngern. Sie stehen da und schauen hilflos nach oben. Zwei Engel fragen sie an: „Was steht ihr da und seht zum Himmel?“ Auf die Erde sollen sie schauen, in ihren Alltag, und dort ihre Verantwortung wahrnehmen. Mit dieser Aufgabe werden sie aber nicht völlig allein gelassen. Jesus ist nun nicht mehr sichtbar und greifbar unter ihnen. Aber er hat ihnen verheissen, dass sie von der Kraft des Heiligen Geistes erfüllt sein werden. Die ewige und unsichtbare Welt Gottes – sie ist nicht nur um uns herum, sondern wir können und sollen sie auch in uns selbst entdecken. Durch den Geist Gottes wird sie in uns erkennbar und wirkt sich unter uns aus.

So bleibt behütet und gestärkt von Gottes gutem Geist!

Herzliche Grüsse
Eure Pfarrerin Karen Hollweg

21.05.2020

Gebet der VELKD zum Auffahrtstag:

Du zeigst uns den Himmel,
Christus, du Auferstandener.
Du bist unser Himmel.

Komm mit dem Himmel zu uns.
Wohne in unseren Herzen,
damit deine Liebe uns verwandelt,
damit wir eins sind,
damit wir einander vertrauen,
damit wir einander vergeben,
damit wir einander helfen.

Komm mit dem Himmel zu den Schwachen.
Lebe mit ihnen,
damit ihnen neue Kräfte wachsen.

Komm mit dem Himmel zu den Kranken.
Heile sie,
damit sie aufatmen und wir einander wieder berühren.

Komm mit dem Himmel zu den Mächtigen.
Leite sie,
damit sie dem Frieden dienen
und der Gerechtigkeit aufhelfen.

Komm mit dem Himmel zu unseren Kindern.
Begeistere sie,
damit sie lernen, das Gute zu tun.

Christus, du Auferstandener,
der Himmel ist in uns.
Du bist unser Himmel,
heute und alle Tage.
Amen.
Bereitgestellt: 21.05.2020      
aktualisiert mit kirchenweb.ch