Michael Hollweg

(10) Gedanken zum Gebet

Betende Hände<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>evang-affeltrangen.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>3</div><div class='bid' style='display:none;'>1488</div><div class='usr' style='display:none;'>3</div>

Jesus Christus spricht:
»Bittet und es wird euch gegeben!«
Matthäus-Evangelium 7,7a
Michael Hollweg,
Liebe Kirchbürgerinnen und Kirchbürger
Liebe Leserinnen und Leser unserer Homepage

Der 5. Sonntag nach Ostern wird Rogate (zu Deutsch: Betet!) genannt und ist ganz davon bestimmt, zu Gott zu sprechen mit Lob, Dank und Fürbitte für menschliche Anliegen.

»Lieber Gott, bitte lösche das Jahr 2020 und installiere es neu, denn es hat einen Virus. Danke!« So lautet ein humorvolles Gebet in diesen Tagen, das in den sozialen Netzwerken kursiert. Es bringt zum Ausdruck, dass wir das Jahr 2020 am liebsten noch einmal von vorne beginnen möchten ohne das Coronavirus, das auf der Welt so viel Schaden und Leid gebracht hat. Der liebe Gott möge doch bitte so freundlich sein wie der Computer-Spezialist, der ein virenbehaftetes System einfach neu installiert und auf diese Weise wieder zum Laufen bringt. Das Virus wäre vergessen, und wir hätten allen Grund zum Danken.

Aber so ist es nicht. Gott ist kein Spezialist, den man hier nur anzurufen braucht und der dann von Irgendwo her unsere Schwierigkeiten und Notlagen ganz ohne unser Zutun löst. Dagegen spricht schon unsere Erfahrung. Wie oft ist es uns so ergangen, dass Gott uns nicht gibt, worum wir ihn gebeten haben! Wie oft sind unsere Hilferufe unbeantwortet geblieben! Wie oft haben wir das Gefühl gehabt, unsere Gebete verhallen in einem Schweigen der Gleichgültigkeit! Gott ist wohl nicht der magische Erfüller unserer Wünsche. Aber was dann? Bleibt nicht unser Beten, unser Sprechen zu Gott, sinnlos, wenn sich nichts ändert und das Schicksal seinen gnadenlosen Lauf nimmt? Ich will doch von Gott mit meinen Sorgen und Nöten wahrgenommen sein und Hilfe erfahren. Ich spreche vor ihm meine Hoffnungen und Wünsche aus in der Erwartung, dass etwas geschieht. Ich will vertrauen können in Jesu Verheissung: «Bittet und es wird euch gegeben!» und nicht die Erfahrung machen müssen, dass alles Beten und Bitten am Ende vergeblich ist.

Mein Glaube ist gefordert. Gott steht mir nicht zu Diensten. Er bleibt der freie und unverfügbare Gott. Darin ist er mir auch der ferne und manchmal unbegreifliche Gott. Mein Gebet, mein Sprechen zu ihm, will aber mehr sein als der Ausdruck meines Wartens auf Erfüllung meiner dringlichsten Wünsche. Mein Beten und mein Bitten zielen auf die Verbindung mit Gott, auf den Kontakt mit dem Schöpfer und Erhalter meines und unseres Lebens.

Deshalb wird es Augenblicke in unserem Leben geben, in denen wir um die Verbindung mit Gott ringen müssen. Worte der Jüdin Etty Hillesum (gestorben 1943 im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau) können dabei helfen. In existenzieller Gefahr schreibt Etty Hillesum am 12. Juli 1942 ihr Sonntagmorgengebet: »Es sind schlimme Zeiten, mein Gott. Heute Nacht geschah es zum ersten Mal, dass ich mit brennenden Augen schlaflos im Dunkeln lag und viele Bilder menschlichen Leidens an mir vorbeizogen. Ich verspreche dir etwas, Gott, nur eine Kleinigkeit: ich will meine Sorgen um die Zukunft nicht als beschwerende Gewichte an den jeweiligen Tag hängen, aber dazu braucht man eine gewisse Übung. Jeder Tag ist für sich selbst genug. Ich will dir helfen, Gott, dass du mich nicht verlässt, aber ich kann mich von vornherein für nichts verbürgen. Nur dies eine wird mir immer deutlicher: dass du uns nicht helfen kannst, sondern dass wir dir helfen müssen, und dadurch helfen wir uns letzten Endes selbst. Es ist das Einzige, auf das es ankommt: ein Stück von dir in uns selbst zu retten, Gott. Und vielleicht können wir mithelfen, dich in den gequälten Herzen der anderen Menschen auferstehen zu lassen. … Ich werde in der nächsten Zukunft noch sehr viele Gespräche mit dir führen und dich auf diese Weise hindern, mich zu verlassen. Du wirst wohl auch karge Zeiten in mir erleben, mein Gott, in denen mein Glaube dich nicht so kräftig nährt, aber glaube mir, ich werde weiter für dich wirken und dir treu bleiben und dich nicht aus meinem Inneren verjagen.«

Das Gebet ist hier ein bleibendes Sprechen zu Gott – auch in Krisen- und Notzeiten. Vielleicht ist es für uns heute mehr ein Klagen, wie wir es bei den biblischen Psalmbetern finden. Die Not fordert uns heraus. Im biblischen Sinne sollten wir dann aufhören, die eigene Ohnmacht zu verklären und im Beten die eigene Verantwortung abzuschieben. Im Beten und im Tun des Gerechten besteht heute unser Christsein (Dietrich Bonhoeffer). Das Gebet schliesst also immer auch ein, dass wir unser Leben im Blick auf das Erbetene ändern oder durch biblische Weisung ändern lassen. Zugleich bewahrt uns das Gebet vor Rigorismus, Ideologisierung und Selbstrechtfertigung. Denn im Gebet steht unser eigenes Handeln in der Verantwortung vor Gott. Ihm dienen wir und lassen uns zugleich in Dienst nehmen zur Verteidigung der Würde des Lebens, die allen von Gott gleichermassen geschenkt ist.

Kann unser Gebet erhört werden? Wird uns gegeben, was erbeten haben? Eine Antwort darauf lässt sich mit unserem Verstand nicht geben. Äusserlich betrachtet scheint manches Gebet nicht erhört worden zu sein. Wer wissen will, ob das Gebet wirkt und wie es wirkt, muss es selbst versuchen. Ich kann dazu ermutigen. Wer betet, erfährt einen inneren Raum der Ruhe und der Geborgenheit. Er kann in die tiefe Gewissheit geführt werden, dass alles gut ist, wie es sich entwickelt, dass man dabei nicht verloren ist und getragen wird. Wenn sich diese innere Ruhe einstellt, ist schon alles gegeben, worum man gebeten hat. Man kann zu sich selbst kommen und der Gegenwart ins Auge blicken. Man kann still sein und empfänglich werden für das, was wesentlich war oder wesentlich ist im Leben. Man kann anfangen, aufmerksam und wahrhaftig mit sich selbst und mit anderen umzugehen.

Und dann merke ich mit einem Mal: Beten bedeutet keineswegs, Selbstgespräche zu führen. Wenn ich still werde und mein Herz öffne, dann schenke ich Gott Raum, selbst zu mir zu sprechen. Dann kann dieser innere Raum mit Liebe, Kraft und Ermutigung für die Zukunft gefüllt werden.

Mit Worten des dänischen Philosophen Søren Kierkegaard lassen Sie mich schliessen:

Als mein Gebet
immer andächtiger und innerlicher wurde,
da hatte ich immer weniger und weniger zu sagen.
Zuletzt wurde ich ganz still.

Ich wurde,
was womöglich noch ein grösserer Gegensatz
zum Reden ist,
ich wurde ein Hörer.

Ich meinte erst, Beten sei Reden.
Ich lernte aber,
dass Beten nicht bloss Schweigen ist,
sondern Hören.

So ist es:
Beten heisst nicht, sich selbst reden hören.
Beten heisst:
still werden und warten,
bis der Betende Gott hört.

Es grüsst Sie
Ihr Pfarrer Michael Hollweg

15.05.2020
Bereitgestellt: 15.05.2020      
aktualisiert mit kirchenweb.ch