Michael Hollweg

(9) Gedanken zur Müdigkeit

Müdigkeit<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>evang-affeltrangen.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>3</div><div class='bid' style='display:none;'>1485</div><div class='usr' style='display:none;'>3</div>

»Die aber, die auf den Herrn hoffen, empfangen neue Kraft, wie Adlern wachsen ihnen Schwingen, sie laufen und werden nicht müde, sie gehen und ermatten nicht.«
Jesaja 40,31
Esther Baumgartner,
Liebe Kirchbürgerinnen und Kirchbürger
Liebe Leserinnen und Leser dieser Homepage

Am Sonntag ist Muttertag – der Tag, an dem die Mütter einmal von Herzen müde sein dürfen und umsorgt werden.

Die Verheissung aus Jesaja 40 wurde damals den Menschen zugesprochen, die im Exil in Babylon lebten und die sich nach ihrer Heimat Judäa sehnten und die müde wurden vom Warten auf die Rückkehr in ihr Heimatland. Es ist tatsächlich ein Geheimnis, dass Menschen neue Kraft erhalten können, wo sie es nicht mehr für möglich hielten. Vor dieser Verheissung steht aber auch, dass junge Männer (ich nehme an, auch Frauen) müde werden. Wir sind Menschen, wir werden müde, wir werden auch krank und manchmal «ermatten» wir – ein altes Wort, das den Zustand sehr gut beschreibt. Da wollen wir uns nur noch unter die Decke kuscheln und einfach schlafen. So wie wir es auf dem Bild mit den Kindern sehen können.

Vielleicht ging es in diesen Tagen manchen Eltern so, die an die Grenzen ihrer Kräfte kamen: die Kinder zu Hause, der Arbeitsplatz in Frage gestellt, die Sorge um Familienangehörige … Oder auch ältere Menschen, die den Kontakt vermissen, die sich eigenartig vorkommen, weil sie wegen ihres Alters nicht mehr so selbständig sein sollen, wie sie es gerne möchten. Manchmal möchte man dann «ermatten» – sich hinlegen und die Decke über den Kopf ziehen. Die Frage ist, ob wir es zulassen können, ob wir es zulassen dürfen. Es wird viel angeboten, um möglichst fit zu bleiben. Dank gewisser Salben sollen wir bis ins hohe Alter tanzen können. Haben wir den Mut zu sagen, dass nicht alles möglich ist? Dass unser Körper und unsere Seele auch einmal «Nein» sagen?

Die Corona-Zeit kann in diesem Sinne auch positiv erlebt werden. Wir haben die Chance, die Kraft der Ruhe ganz neu zu entdecken. Ich erlebe Kinder, die es sehr geniessen, mehr Familienleben zu haben. Beziehungen erhalten neues Gewicht. Wir spüren, was wir uns bedeuten. Und diese Zeit führt uns auch eindrücklich vor Augen, dass wir nicht für uns alleine leben. Wir brauchen einander – Menschen sind füreinander da. Ich muss nicht alleine stark sein und bei Kräften bleiben – es gibt Menschen, die mittragen.

Ich rechne mit der Liebe der Menschen, weil ich mit Gott rechne in diesem Leben. Wir dürfen müde werden – aber Gott gibt seine Menschen nicht auf!

Meine Erfahrungen haben mir gezeigt, dass es Menschen gibt, die trotz grossem Gottvertrauen müde bleiben. Deshalb glaube ich, dass diese Worte aus dem Jesaja sehr persönlich sind. Wir können sie nur im ganz eigenen Vertrauen fassen – wir sollten uns hüten, sie anderen Menschen unbarmherzig überzustülpen und zu erwarten, dass Übermenschliches geleistet wird. Manchmal heisst es auch, die Spannung auszuhalten, wenn sich eine Situation oder die Müdigkeit nicht ändern lässt. Unser Vertrauen wird gestärkt von solchen Verheissungsworten. Es ist ein Vertrauen darauf, dass Neuanfänge möglich sind. Denn es ist ein Vertrauen in den auferstandenen Jesus, der für uns den Tod überwand. Es ist mehr als die Aussage: «Alles wird gut». Es ist ein Glaube, der uns auch dann hilft, wenn unser Leben dem Ende zugeht. Auch in der Müdigkeit und ohne Höhenflüge können wir von Herzen dankbar sein, dass Gott gerade auch die müden Menschen auf «Adlersflügeln» trägt – dort, wo die eigenen Kräfte nicht genügen.
Mögen wir uns weiterhin getragen wissen von diesem barmherzigen Gott und mit Freude unsere Aufgaben im Leben wahrnehmen.

Heute ein grosses Dankeschön an die Mütter und an alle Menschen – Väter, Tanten, Göttis … – die unseren Kindern wohlwollende Begleiterinnen und Begleiter sind und ihr Vertrauen in unseren liebenden und barmherzigen Gott stärken. Die für sie und mit ihnen beten und ihnen Mut machen, darauf zu vertrauen, dass uns Flügel wachsen können, wo wir es nicht mehr für möglich gehalten hätten.

Es grüsst Sie
Esther Baumgartner
Pfarrerin in Weinfelden

8.05.2020
Bereitgestellt: 08.05.2020     Besuche: 48 Monat 
aktualisiert mit kirchenweb.ch