Karen Hollweg

(8) Gedanken zum Humor

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»Ein frohes Herz ist die beste Medizin, aber ein niedergeschlagener Geist lässt die Glieder verdorren.« (Sprüche Salomos 17,22)
Karen Hollweg,
Liebe Kirchbürgerinnen und Kirchbürger
Liebe Leserinnen und Leser unserer Homepage

Mitten in der Corona-Krise bekomme ich eine WhatsApp von meiner Schwester aus Berlin. Sie leitet mir ein kleines Video weiter, wie es in Corona-Zeiten so viele gibt. Seufzend und lustlos klicke ich es an. Eine mir unbekannte Frau erscheint auf dem Bildschirm, sie sieht sehr ernst aus. Eine Stimme spricht zu ihr: „So, und Sie müssen jetzt in Quarantäne wegen des Coronavirus.“ Die Frau nickt. Die Stimme spricht weiter: „Sie haben zwei Möglichkeiten: A - Sie gehen in Quarantäne mit Ihrem Mann und Ihren beiden Kindern, oder B - …“ Die Frau unterbricht energisch die Stimme und ruft: „B! B!“ Dazu schreibt meine Schwester als Kommentar: „Ich hoffe, du kannst noch A sagen!“

Spontan muss ich loslachen. So gelacht habe ich schon lange nicht mehr. Mein Mann und meine Töchter schauen mich verwundert an: „Was ist los?“ Wir schauen das Video noch einmal gemeinsam an – und nun muss meine Familie genauso herzhaft lachen wie ich. Ein kleiner kostbarer Moment, den ich insgeheim geniesse.

Wann habt Ihr das letzte Mal von Herzen gelacht? Darf man lachen in solchen Krisenzeiten? Ist das überhaupt angemessen? Ist Euch gerade noch nach Lachen zumute?

Eigentlich lache ich gern. Aber in letzter Zeit ist es mir ein Stück weit vergangen. Zu viele Bilder in den Nachrichten. Zu viele Sorgen um Menschen, die mir nahestehen. Zu viele Grübeleien, wie es weitergehen wird.

Dabei tut lachen so gut, gerade in einer Situation wie der jetzigen. Lachen befreit. Lachen lässt die Anspannung wenigstens ein bisschen abfliessen. Es sind wunderbare Momente, wenn sich die Lebensfreude Bahn bricht in einem spontanen Lachen. „Der Humor ist die Waffe der Seele im Kampf um ihre Selbsterhaltung“, stellte schon der Psychiater Viktor Frankl fest, der während der Zeit des Dritten Reichs drei Jahre in Konzentrationslagern überlebt hat.

Als wir einmal eine Kindergartengruppe in der Affeltranger Kirche zu Besuch hatten und die Kinder herzhaft über die Erklärungen meines Mannes zum Beffchen (weisser Talarkragen) lachten, erzählte mir eine erwachsene Begleiterin der Kindergruppe, wie schön sie es fände, hier in der Kirche lachen zu dürfen. Aus ihrer Kindheit erinnere sie sich noch gut daran, dass die Kirche immer als eine so ernsthafte Angelegenheit angesehen wurde, dass man auf gar keinen Fall in der Kirche lachen durfte; das war geradezu verpönt.

Eigentlich ist es verwunderlich, dass man die biblische Botschaft so missverstehen konnte. Das „Evangelium“ heisst ja übersetzt so viel wie: „Freudenbotschaft“. Es ist etwas, über das man sich freuen und fröhlich sein darf. Und in der Bibel selbst finden sich viele Geschichten, die voller Witz und Komik stecken. Denken wir zum Beispiel an die Froschplage im Alten Ägypten. Da wird beschrieben, wie die Frösche aus dem Nil heraufkriechen in das Haus des Pharaos, in seine Schlafkammer und auf sein Bett kriechen, ja sich sogar in den Backöfen einnisten und auf dem Pharao und seinen Ministern herumkrabbeln.

Oder denken wir an die Geschichte vom Propheten Jona, der von Gott beauftragt wird, den Bewohnerinnen und Bewohnern der Stadt Ninive den Untergang ihrer Stadt innerhalb von vierzig Tagen zu verkünden. Mit viel Humor und Charme wird erzählt, wie der Prophet es mit der Angst zu tun bekommt und versucht, vor Gott Reissaus zu nehmen.

Oder wenn wir im Neuen Testament in die Apostelgeschichte schauen, in der über die Anfänge der Kirche berichtet wird, finden wir auch dort einige Passagen zum Schmunzeln. Im 19. Kapitel heisst es über eine kirchliche Zusammenkunft: „Etliche schrien so, etliche anders. Und die Versammlung war verwirrt. Und die meisten wussten gar nicht, warum sie zusammengekommen waren.“

Oder ein Kapitel später wird berichtet, wie ein junger Mann bei einer abendlichen Predigt des Paulus einschläft, weil Paulus zu lange predigt, und dabei aus dem Fenster im dritten Stock fällt. Er wird natürlich anschliessend von Paulus wiederbelebt.

In der jetzigen Situation, in der wir uns seit Mitte März befinden, kursieren viele Coronavirus-Witze im Netz und werden per WhatsApp oder Facebook verbreitet. Gleich zu Beginn der Krise gab es humoristische Cartoons zu WC-Papier-Hamsterkäufen, der mexikanischen Biersorte Corona oder blank liegenden Nerven beim Homeschooling. Zu Ostern gab es Videos von mit Mundschutz ausgestatteten Osterhasen, die neben Ostereiern auch WC-Papier in ihren Körbchen hatten und versteckten.

Nicht jeder Witz wird dabei unseren Geschmack treffen. Auch in Sachen Humor sind wir Menschen unterschiedlich. Je fordernder eine Situation ist, desto schwärzer wird mitunter der Humor, und worüber der eine lacht, darüber rümpft der andere vielleicht die Nase. Dennoch tut es uns allen gut, wenn wir von Zeit zu Zeit spontan und befreit auflachen können.

Was heisst es eigentlich, Humor zu haben? Humor ist keine aufgesetzte Fröhlichkeit. Denn es gibt ja durchaus auch das Umgekehrte, dass manche meinen, Christinnen und Christen müssten immer fröhlich sein und erlöst aussehen. Das ist mit Humor nicht gemeint: eine erzwungene Fröhlichkeit, wenn einem gar nicht danach zumute ist.

Humor zu haben, bedeutet vielmehr, sich selbst nicht immer so furchtbar ernst zu nehmen. Insofern hat Humor durchaus etwas mit dem Glauben zu tun. Wer Humor hat, weiss um die Unzulänglichkeiten unseres Lebens in dieser Welt, aber sieht darin keinen Grund zur Verzweiflung. Man kann lachen – über sich selbst, auch über andere, über die Dummheit in der Welt, über menschliche Schwächen und über Allüren der Mächtigen. Ich kann lachen und muss nicht immer weinen – weil ich letztlich weiss oder zumindest ahne, dass es noch eine andere Wirklichkeit gibt als diejenige, die wir sichtbar vor Augen haben. Humor hilft mir, ein Stück Distanz einzunehmen zur Realität, wie ich sie gerade erlebe, und dadurch eine neue Perspektive zu gewinnen. Humor und Glauben hängen für mich zusammen. Jedenfalls kann ich mir einen völlig humorlosen Glauben nicht vorstellen. Lachen befreit nicht nur und tut der Seele gut. Lachen zu können, nimmt mancher Situation die Schwere und die letzte Schärfe in dem Bewusstsein: Alles, was wir in diesem Leben erleben, ist nur das Vorletzte. Denn das letzte Wort, das hat Gott allein. Insofern ist Humor eine Gabe Gottes.

Darum möchte ich euch zum Schluss noch ein paar Verse aus den apokryphen Schriften der Bibel mit auf den Weg geben. Im Buch Jesus Sirach heisst es im 30. Kapitel (30, 22ff):
„Gib dich nicht dem Trübsinn hin, quäl dich nicht selbst mit nutzlosem Grübeln! Freude und Fröhlichkeit verlängern das Leben des Menschen und machen es lebenswert. Überrede dich selbst zur Freude, sprich dir Mut zu und vertreibe den Trübsinn! Der hat noch nie jemandem geholfen, aber viele hat er umgebracht. … Ein fröhliches Herz sorgt für guten Appetit und auch für gute Verdauung.“

Darum: Vergesst das Lachen nicht! Auch und gerade in diesen Tagen.

Gott,
ich sehne mich danach,
unbeschwert mit Freundinnen und Freunden zusammen zu sein,
herzhaft lachen zu können,
die Schwere dieser Krise abzuschütteln
mit allen Folgen, die sie für uns Menschen hat.

Gott,
ich bitte dich:
Schenke mir einen kleinen Lichtblick
an jedem Tag.
Lass mein Herz nicht zu schwer werden in Trübsal.
Gib mir kleine Momente der Leichtigkeit,
in denen mir bewusst wird:
Du bist da.
Immer.
Was auch geschieht.
Das ist und das bleibt
ein Grund zur Freude.
Amen.

Schaut auf Euch und bleibt behütet und gesund.

Herzlich grüsst Euch zum Weltlachtag am 3. Mai
Eure Pfarrerin Karen Hollweg

29. April 2020
Bereitgestellt: 29.04.2020      
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