Karen Hollweg

(2) Gedanken zur Freiheit

Gemeinsam stehen wir das durch!<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>evang-affeltrangen.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>3</div><div class='bid' style='display:none;'>1467</div><div class='usr' style='display:none;'>3</div>

«Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.»
(2. Korinther 3,17b)
Karen Hollweg,
Liebe Kirchbürgerinnen und Kirchbürger
Liebe Leserinnen und Leser unserer Homepage

Am 6. Februar 2020 haben sich unsere Konfirmandinnen und Konfirmanden das Thema FREIHEIT für ihren diesjährigen Konfirmationsgottesdienst ausgewählt. Zu der Zeit ahnten wir alle noch nicht, welche Aktualität dieses Thema kurze Zeit später durch die Corona-Krise erhalten würde.

Wenn ich mich zur Zeit besonders nach etwas sehne, dann ist es Freiheit:
- Freiheit zur körperlichen Berührung und Nähe
- Freiheit zum Passieren von Grenzen
- Freiheit, in den Flieger zu steigen und zu meiner Mutter nach Berlin zu fliegen
- Freiheit, Gottesdienste zu feiern und miteinander das Abendmahl zu teilen
- Freiheit, mit den Konfirmandinnen und Konfirmanden ins Konf-Lager im Tessin zu fahren
- Freiheit, die Küche zu Hause mal kalt zu lassen und essen zu gehen
- Freiheit, mich ganz auf meine Arbeit zu konzentrieren, während die Kinder in der Schule sind
- Freiheit von Sorgen, Freiheit von Angst ….

Die Liste könnte noch lange weitergehen. Bestimmt fallen Euch allen viele eigene Sehnsüchte nach Freiheiten ein, die Ihr zur Zeit vermisst.

FREIHEIT! Habe ich sie vielleicht als zu selbstverständlich genommen?

Nun ist meine Freiheit durch die Corona-Krise sehr eingeschränkt. Das lässt mich in diesen Tagen viel an meinen verstorbenen Vater denken. Die Freiheit war eines seiner wichtigsten Lebensthemen. Wenn er den Eindruck hatte, dass ich mich zu sehr aufreibe in den Zwängen des Alltags, in Strukturen von Institutionen oder im Leistungsdruck unserer Gesellschaft, dann sah er mich forschend an und sagte: „Aber Karen, du kannst dir doch nicht deine innere Freiheit nehmen lassen!“

Die innere Freiheit zu entdecken, das war ihm ausgerechnet in unfreier Situation gelungen – oder besser: geschenkt worden. Als er nach dem Zweiten Weltkrieg in Kriegsgefangenschaft war, schenkte ihm ein Mitgefangener eine Bibel. Da mein Vater nichts anderes zum Lesen hatte, fing er an, sie zu studieren. Zum ersten Mal in seinem Leben fand er einen inneren Zugang zu ihr. Über dem Lesen der biblischen Texte wurde er Christ und fand seine Freiheit im Glauben an Jesus Christus. Er entdeckte die Freiheit, sich auch in tiefster Not noch von Gott gehalten zu wissen; die Freiheit zu lieben, statt zu hassen; die Freiheit, sich im Letzten vor Gott verantwortlich zu wissen und nicht vor den Menschen; die Freiheit, die äusseren Umstände nicht über sein Inneres herrschen zu lassen, sondern von einer Zukunft unter Gottes Segen zu träumen. «Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit!» Diese Worte des Apostels Paulus wurden für ihn mitten in der Gefangenschaft lebendig.

Für mich ist es das Wichtigste, was mir mein Vater mitgegeben hat: Dass die innere Freiheit, den eigenen Weg zu finden und zu gehen – die Freiheit der Gedanken – die Freiheit, zu meiner eigenen Meinung zu finden und zu stehen – wichtiger ist als zum Beispiel gute Noten in der Schule oder eine erfolgreiche Karriere.

Innerlich frei zu sein, kann dabei manchmal auch bedeuten, dass ich meine äussere Freiheit nicht rücksichtslos auslebe, sondern bewusst einschränke, weil ich es aufgrund einer bestimmten Situation für sinnvoll halte. So wie ich mich jetzt in der Corona-Krise darum bemühe, die Einschränkungen des täglichen Lebens einzuhalten, um mit dazu beizutragen, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen.

Wie kann ich mir inmitten vieler Einschränkungen und Beschneidungen im derzeitigen Alltag ein Stückchen Freiheit bewahren und mich nicht von Sorgen beherrschen lassen?
Heute nehme ich mir für den Beginn dreierlei vor:

1. Wenn mich sorgenvolle Gedanken an das Coronavirus gefangen nehmen, dann richte ich meine Gedanken bewusst auf etwas Schönes, und ich danke Gott für alles Gute, das ich heute erlebt habe.
2. Wenn das «Home-Schooling» meiner Kinder an meinen Nerven zerrt, dann nehme ich mir die Freiheit, einen Moment an die Luft zu gehen, mein Gesicht in die Sonne zu halten und auf das Zwitschern der Vögel zu lauschen.
3. Wenn ich gerade das Gefühl habe, die Nachrichten nicht mehr ertragen zu können, fühle ich mich frei, heute nicht auf dem neusten Stand der Informationen zu sein, und rufe stattdessen jemanden an, den ich lange nicht mehr gesprochen habe.

Ich wünsche Euch, dass Ihr in dieser sorgenvollen Zeit kleine Freiheiten entdecken könnt, die Gott uns auch jetzt noch schenkt, und Freude findet an den kleinen Dingen.

«Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit!»

Herzlich
Eure Pfarrerin Karen Hollweg

25. März 2020
Bereitgestellt: 25.03.2020      
aktualisiert mit kirchenweb.ch